Die 3 VIP aus dem Morgenland

* Liebe Leserinnen, liebe Leser *

Die hellbraunen Höckertiere der 3 V.I.P aus dem Morgenland galoppierten mit quietschenden Hufen in eine der langgezogenen Steilkurven auf der Wüstenpiste. Man hatte den Eindruck, dass sie meilenweit galoppieren würden, um an der nächsten Wasserstelle zusammen mit den Herrchen, wie gewohnt, eine Camel Filter genießen zu können.

„Balthasar“, mahnte Kaspar, „gib Gas, ich will Spaß und wir schaffen es sonst nie und nimmer! Das wird ein Riesenrheinfall, dagegen ist der von Schaffhausen der reinste Plätscherbach!“

„Du hast wohl die Hosen schon gestrichen voll, Alter!“

„Du Trottel“, erwiderte Kaspar, „es ist eine Frage der Ehre! Ich möchte schließlich mit einer positiven Schlagzeile in die biblische Weihnachtsgeschichte eingehen!

Schaut mal da, Ihr Supernasen, jetzt ist er ganz dicht vor uns.“

Er meinte den hell leuchtenden Stern, der jenseits eines nahen Grenzüberganges zu sehen war.

„Den sieht man doch sogar ohne Brille von Apollo oder Fielmann“, erklärte Balthasar.

Melchior sagte nichts, denn er war mit Kaspar einer Meinung und einfach nur erschöpft.

Eine knappe halbe Stunde zuvor hatten die 3 VIP aus dem Morgenland zwei Hinweisschilder passiert:

28 Kilometer bis Bethlehem und Richtung Totes Meer rechts einordnen.“

Tatsache war jedenfalls, dass die Zeit gewaltig drängte. Gemäß den Vorhersagen  der Experten und ihren eigenen, gemeinhin bisher immer recht zuverlässigen Berechnungen, musste das Wunder nun jeden Augenblick passieren.

Dafür gab ein sehr untrügliches Zeichen, und zwar, dass der hell leuchtende Stern jetzt noch um einiges intensiver strahlte!

Urplötzlich sahen sich die drei Weisen nach dem Überqueren einer Wanderdüne einem Meer aus lodernden Fackeln gegenüber! Drei abgesenkte Schlagbäume, drei Wachhäuschen sowie eine daneben befindliche Wachstation wurden davon hell erleuchtet.

„Willkommen in der Zählstadt Bethlehem im Kreis Judäa!“, stand da sowohl in lateinischen wie auch in hebräischen Buchstaben auf einem Schild. Und auf einem weiteren:

Achtung! Nur noch wenige Meter bis zur Grenze!

Bitte Ausweise und Zolldokumente bereithalten!“

An den Schlagbäumen und auch an der Wachstation herrschte ein schier unglaublicher Andrang.

„Da kommen wir doch nie durch!“, meinte Balthasar resignierend und ergänzte, was überhaupt nicht zu seiner Art passte.

„Lasst uns einfach umkehren und gut!“

„Wie kommst du denn  auf dieses schmale Brett?“, wollte Melchior wissen.

„Na, guck dir doch die Warteschlange mal genau an!“ Balthasar deutete auf den rechten Schlagbaum, neben dem das Schild „Morgenländer hier einreiten!“ stand, und die davor befindliche Schlange. „Bis wir abgefertigt sind, ist doch schon längst alles vorbei!“

„Ja, so wird es wohl sein“, meinte Melchior betrübt und senkte sein müdes Haupt. „Das hätten wir doch nun wirklich vorhersehen müssen.“

„Ich hab so etwas vorhergesehen“, erklärte Kaspar stolz, „und deshalb Vorsorge getroffen. Schließlich bin ich nicht bei der Arroganz, sondern bei der Volksfürsorge und Advokat ist Anwalts Liebling! Lasst mich nur machen und staunt, was ich so alles drauf habe.“

Die 3 VIP aus dem MorgenlandEr griff in eine Satteltasche, entnahm ihr drei große Umhängeschilder und auf denen in Hebräisch und Lateinisch „V.I.P“ geschrieben stand. Zwei davon reichte er seinen Begleitern. „Hängt sie euch um.“

Balthasar und Melchior wechselten einen erstaunten Blick, befolgten aber Kaspars Anweisungen. Der setzte sich nun an die Spitze der kleinen Karawane und trabte auf den Schlagbaum für die Morgenländer zu.

 

Im Vorbeireiten sahen die drei, dass die Warteschlange an dem mit

„Römer hier einreiten“

beschilderten Schlagbaum bei weitem am kürzesten und die an dem mit „Judäer hier einreiten“ markierten am längsten war.

Viele der Wartenden wichen zunächst nur mürrisch, dann aber beinahe ehrfurchtsvoll beiseite, als sie erkannten, was da auf den Schildern der 3 VIP aus dem Morgenland stand, die an ihnen vorbeidrängten.

Heil, Augustus! Halt!“ brüllte der römische Legionär neben dem Schlagbaum und hob drohend seinen Speer. „Vordrängeln gibt es hier nicht! Stellt euch an, wie alle anderen auch!“

Kaspar deutete auf sein „V.I.P“ Schild. „Heil, Augustus! Seid Ihr des Lesens mächtig, guter Mann?“ fragte er.

„Natürlich“, erwiderte der Legionär und schaute zugleich verärgert, wie auch sichtlich beeindruckt drein. „Verzeiht, das muss ich wohl übersehen haben!“

„Es sei euch verziehen!“, winkte Kaspar ab. „Dürfen wir denn nun passieren?“

„Einige Formalitäten müssen schon sein, edle V.I.P-Herren“, erwiderte der Legionär freundlich.

„Habt Ihr die Papiere zur Hand?

Welches ist der Zweck eures Besuches? Seid Ihr beruflich oder als Touristen unterwegs? Führt Ihr anmeldepflichtige Waren bei euch?“ Er schaute die drei Weisen fragend an.

Die Drei reichten ihm zunächst ihre Ausweispapiere.

„So, so“, meinte der Legionär, nachdem er einen kurzen Blick darauf geworfen hatte, „ist ja interessant. Bei euch allen ist als Berufsbezeichnung ‚Weiser aus dem Morgenland‘ eingetragen“.

Er musterte die drei plötzlich unterwürfig. „Seid Ihr etwa diese berühmten Wahrsager?“

Er beendete den Satz nicht, sondern geriet augenscheinlich ins Grübeln.

„Aber gewiss doch, guter Mann“, sagte Balthasar. „Es steht doch da geschrieben. Wir sind die 3 V.I.P aus dem Morgenland und nun lasst uns bitte endlich passieren. Wir sind in Eile!“

Der Legionär reichte ihnen langsam die Papiere zurück und erklärte auf seinen Speer gestützt: „Wie Ihr sicher wisst, edle Herren, V.I.P hin, V.I.P her, hier hat immer noch Rom das Sagen. Ich muss also die Einreiseformalitäten korrekt abwickeln!“

„Ist schon in Ordnung“, erklärte Kaspar. „Zweck unseres Besuches ist die Anbetung eines Kindes und die Übergabe von Geschenken. Woraus sich ergibt, dass wir aus beruflichen Gründen unterwegs sind. Anmeldepflichtige Waren haben wir nicht.

Genügt das als Auskunft?“

Geschenke?“ Der Legionär runzelte die Stirn. „Und doch keine anmeldepflichtigen Waren? So, so, meint ihr nicht auch, dass das ein ganz klein wenig merkwürdig ist?“

Er lehnte seinen Speer ans Wachhäuschen und kratzte sich verlegen den Bart.

„O.k., wenn Ihr es genau wissen wollt“, meldete sich jetzt Balthasar zu Wort, „wir führen nur die üblichen zollfreien Mengen von Weihrauch, Myrrhe und Gold mit!

Überzeugt euch doch selbst, wenn Ihr uns nicht glaubt!

Aber bitte, beeilt euch, denn sonst werden wir bei eurem Vorgesetzten eine Beschwerde einreichen!

Das dürfte euch locker ein halbes Jahr Strafgaleere einbringen, wie Ihr Euch wohl sicher denken könnt“. Er machte mit den Armen ein paar rudernde Bewegungen und sang fröhlich:

„Nichts ist unmöglich … Toyota!

Der Legionär ließ daraufhin wie von einer Tarantel gestochen den Schlagbaum nach oben.

„Verzeiht, edle Herren! Natürlich dürft Ihr passieren!“ rief er. „Ich hoffe nur, dass Ihr einem bescheidenen Legionär mit geringem Einkommen einen heißen Tipp geben könnt“; fügte er hinzu. Er sah die drei Weisen fast flehend an

Was für ein Tipp?“, fragte Melchior in einem plötzlich aufkommenden Gefühl von Mitleid.

„Ich wüsste gern die Lottozahlen der Weihnachtsausspielung“, sagte der Legionär. „Wenn ich sechs Richtige hätte, könnte ich endlich in Pension gehen und am Tag vor Heiligabend ist Annahmeschluss“.

Melchior hielt sein Kamel an. „O.k., wenn’s weiter nichts ist.“

Er schaute hinauf zu dem blendend leuchtenden Stern, der mittlerweile direkt über einem abbruchreifen Stall stand, und schloss für einen kurzen Moment die Augen.

Hier nun die Gewinnzahlen für euch zum Mitschreiben“,

meinte Melchior: „Sieben, acht, neun, zehn, zwölf, vierundzwanzig. Und Zusatzzahl ist die sechs.“

„Ich danke euch, edler Herr“, jauchzte der Legionär und notierte die Zahlen eifrig, während Melchior seinem Kamel schon die Sporen gab. „Das werde ich euch nie vergessen!“

„Melchior!!!“, brüllten Kaspar und Balthasar, die weitergeritten waren, „Nun komm endlich!“

„Ich komme ja schon“, rief Melchior ihnen zu.“ Und an den Legionär gewandt sagte er:

„Ihr braucht mir nicht zu danken! Annahmeschluss war gestern und heute ist Heiligabend!“

Und was ist die Moral von der Geschicht?

Nicht jeder V.I.P ist auch ein helles Licht!

Wie auch immer Ihr Euch gerade fühlt und wo auch immer Ihr gerade seid, ich wünsche euch von Herzen gerne eine gesunde & fröhliche Vorweihnachtszeit.

Euer „alter“ Mann

Werner Michael Heus

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